Literaturtipp: „bolo’bolo“ von p.m.

Besprochen von:  Andreas G.

Was für ein seltsamer Titel, und anstatt des Namens des Verfassers nur pseudonyme Initialen – muss man das gelesen haben? Nein, muss man nicht, aber dann verpasst man einen klugen und ungewöhnlichen Text. Vor fast dreißig Jahren, 1983, geschrieben von einem Schweizer  Philologen, der anscheinend in Zürich lebt, ist dieser Text erstaunlich aktuell. Es handelt sich um eine Utopie, in bester Tradition von Thomas Morus („Utopia“) und Ernest Callenbach
(„Ecotopia“):

Beschrieben wird eine Zukunft, in der die Menschheit sich in Gruppen zu etwa
500 Menschen organisiert hat; eine solche Gruppe wird ‚bolo‘ genannt. Diese bolos sind
souverän und frei darin, ihre interne Lebensweise selbstgewählt zu gestalten; und ebenso sind die Menschen frei darin, jederzeit ihren bolo zu verlassen und für kürzer oder länger in anderen bolos zu leben, gemäß einer verpflichtenden allgemeinen Gastfreundschaft. Die  durchschnittliche Größe von 500 ist mit Bedacht gewählt worden: groß genug, um eine gewisse Anonymität zu ermöglichen, aber nicht so groß, dass ein Wasserkopf an Bürokratie notwendig würde.

Es gibt keine Staaten, keine Konzerne, keine Banken, keine Regierungen, nur Menschen und bolos. Die bolos betreiben Subsistenzwirtschaft, wodurch sie ihre Unabhängigkeit bewahren; zusätzlich findet aber Tauschhandel zwischen ihnen statt, je nach Interesse und Bedürfnis. Durch die unmittelbare Nachbarschaft der Orte des Wohnens, des Arbeitens und der Lebensmittelproduktion wird, verglichen mit unserer Welt, der Energieverbrauch für Transporte, von Waren und Menschen, massiv reduziert. Mit dem Fortfallen der Kleinfamilienhaushalte verschwindet eine weitere Ursache der Verschwendung von Material und Energie. Ein großer Teil der heutigen industriellen und handwerklichen Produktion wird überflüssig.

Andererseits soll die moderne Technologie nicht abgeschafft werden; so wird es beispielsweise weiter Autos, Eisenbahnen und vielleicht auch Flugzeuge geben, nur in viel geringerer Anzahl als heute. Man wird langsamer reisen als heute, dafür aber intensiver und entspannter, aufgrund des Prinzips der allgemeinen Gastfreundschaft.

Während das bolo die grundlegende Organisationseinheit bleibt, gibt es durchaus übergeordnete Strukturen: lockere Zusammenschlüsse von Gruppen benachbarter bolos,  zwecks gemeinsamer Durchführung größerer Aufgaben; und diese Gruppen bilden wiederum größere Zusammenschlüsse, bis hin zu den autonomen Regionen, von denen es weltweit etwa 750 geben wird. Es wäre beispielsweise unsinnig, und auch eine unnötige Belastung für die Umwelt, wenn jedes bolo versucht, selbst Eisenerz zu verhütten, oder Schrott einzuschmelzen; stattdessen wird eine größere Region ein gemeinsames Stahlwerk unterhalten.

Entscheidend ist dabei aber, dass die übergeordneten Strukturen kein Eigenleben entwickeln
und die Unabhängigkeit der bolos nicht beschneiden; die ersten Schritte auf dem Weg zum Staat sind oft sehr harmlos. Es gibt keinen Arbeitsmarkt mehr, keine Jobs, keine Löhne, fast kein Privateigentum: nur was in eine Truhe von etwa einen Meter Länge passt, darf der einzelne Mensch als seinen Privatbesitz betrachten, der Rest der Erdkugel wird gemeinsam benutzt.

Lokale Währungen dagegen sind durchaus zulässig, damit die Menschen auf Flohmärkten ihren Sammelleidenschaften oder sonstigen Hobbies nachgehen können; nur werden diese Währungen und diese Märkte keine Rolle für die Sicherung der Grundbedürfnisse des Lebens spielen. p.m. kritisiert den Mangel an Konsequenz bei vielen anderen Utopisten, wie etwa Callenbach, die weiterhin reguläre Währungen bestehen lassen wollen: Es ist widersinnig, zugleich ein System persönlichen, naturverbundenen, direkten Austauschs zu fordern (und das ist das einzig wirklich «ökologische» System) und ein Mittel anonymer Zirkulation (das ist das Geld)
zuzulassen. Diese Anonymität oder Nichtzuständigkeit aller erzeugt eben gerade die natur- und
menschenvernichtenden Mechanismen.

Die heutigen Verhältnisse in unserer Welt beschreibt p.m. mit dem Begriff der planetaren
Arbeitsmaschine (PAM); damit ist jenes Geflecht aus Weltwirtschaft, internationalem
Finanzsystem, Konzernen und Nationalstaaten gemeint, in das wir fast alle direkt oder indirekt eingebunden sind, indem uns die Umstände zwingen, Tag für Tag einer mehr oder minder sinnlosen Arbeit nachzugehen, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Maschine triumphiert über uns. Wir sind ein Teil von ihr. Sie zerstückelt unser Leben in Zeit-Fragmente, kanalisiert unsere Energien, zermalmt unsere Wunschträume. Wir sind nur noch gefügige, pünktliche, disziplinierte Zahnrädchen in ihrem Getriebe. Und die Maschine selbst treibt dem Abgrund entgegen. In was haben wir uns da eingelassen? (…) solange es die PAM gibt, sind wir alle in ihr drin. Sie hat inzwischen alle traditionellen Gesellschaften zerstört oder sie in der Defensive verkümmern lassen (…) die Maschine kann mit ihren Fangarmen jeden Ort auf diesem Planeten innert weniger Stunden erreichen. Wir sind «besetzt» (…) die Maschine braucht keine spezielle «herrschende Klasse» mehr, um ihre Kontrolle zu erhalten. Wir üben die Macht der Maschine gegeneinander aus: das ist wahre Demokratie (…) die PAM ist eine Maschine von sich gegenseitig unterdrückenden und fürchtenden Menschen. Wir alle garantieren ihr Funktionieren.

Dementsprechend ist der Entwurf von bolo’bolo zuallererst darauf ausgerichtet, unter keinen
Umständen wieder die Entstehung einer ähnlichen Herrschaftsstruktur wie der PAM zu
ermöglichen. Zu diesem Zweck müssen die wesentlichen Mechanismen der Maschine, nämlich
(global bewegliches) Geld, Großindustrie und Staat, abgeschafft und dauerhaft verhindert werden; ja, es geht um die Abschaffung jeglicher Wirtschaft, wie wir sie kennen, und um die
Beendigung der Geschichte, als jahrtausendelange Abfolge von Großreichen, Kriegen und
hierarchischen Unterdrückungssystemen.

Die größte Gefahr bei diesem ambitionierten Vorhaben liegt daran, dass nur eine neue Maschine, eine Gegenmaschine, aufgebaut wird, anstatt dass die Maschine selbst abgeschafft wird; in diese Falle sind, nach Ansicht von p.m., der Sozialismus (der 1983 noch wesentlich lebendiger war als heute), wie auch viele andere rebellische und alternative Bewegungen, aber auch Terroristen immer wieder getappt. Die PAM ist nämlich sehr geschickt darin, Gegenmaschinen entweder zu vernichten, oder zu absorbieren und zum eigenen Wachstum zu verwenden.

Insofern erscheint auch jeglicher Versuch, die PAM zu reformieren, als aussichtslos:
Reformvorschläge der neuen grün-bunt-alternativ-sozial-pazifistischen Bewegungen und Parteien:
* 20-Stunden-Woche und Verteilung der Arbeit auf alle
* garantierter Minimallohn
* dezentrale Selbstverwaltung und Selbsthilfe in Quartieren
* Förderung des öffentlichen Verkehrs
* alternative Energieversorgung
* Bekämpfung des Hungers in der Dritten Welt
* allgemeine Abrüstung
* unentgeltliche Gesundheitsversorgung;
dies alles führt letztlich nur im Kreis herum. Auch die «neuen sozialen Bewegungen» müssen
beweisen, daß ihre Politik mehr Arbeitsplätze schafft, Investitionen auslöst, die Produktivität verbessert – also der Erneuerung der Maschine dient.
(Anmerkung: mir scheint, dass dieser Punkt sehr gut illustriert wird durch die gegenwärtige
Auseinandersetzung um die Möbel-Kraft/Sconto-Ansiedlung in einem Kieler Kleingartengelände – 1983 wäre es allerdings kaum vorstellbar gewesen, dass die Grünen sowas mal aktiv  unterstützen würden).

Als einzigen Weg zur Überwindung der PAM sieht p.m. den Aufbau dezentraler, persönlicher
Gemeinschaften, die möglichst alle hierarchischen Schranken unserer Weltordnung überwinden, also sowohl die Schranken zwischen den Gesellschaftsschichten, als auch die
Schranken zwischen den westlichen Ländern und der Dritten Welt. So gelangt er zu bolo’bolo.

Um sich keiner irgendwie gearteten kulturellen Hegemonie schuldig zu machen, hat p.m. seine
Utopie mit einem neuen Grundvokabular ausgestattet, das er asa’pili nennt; bolo’bolo ist ein
Beispiel für ein Wort dieser Kunstsprache. In einem Interview hat er später einmal zugegeben, dass bolo’bolo im Grunde für Kommunismus steht, dass dieser Begriff aber historisch zu belastet ist, um heute noch Verwendung finden zu können.

Man spürt, dass sich p.m. gründlich mit seinem Thema auseinandergesetzt hat. In gewisser Weise repräsentiert dieser Text die Ergebnisse der von der 1968er Bewegung und der
Hausbesetzer-Szene der 1970er Jahre (p.m. war an beiden aktiv beteiligt) angestoßenen
Diskussionen und Lernprozesse. Beim Lesen des Textes meinte ich mehrfach, Schwachstellen im Entwurf gefunden zu haben, aber jeweils ging p.m. wenig später auf genau diesen Einwand ein und entkräftete ihn. So schien mir beispielsweise die beschriebene Welt in etwa den Verhältnissen der Jungsteinzeit vergleichbar, die sich bekanntlich an mehreren Orten allmählich in Großreiche mit Gottkaisern entwickelte. Aber dann distanziert sich p.m. in einer der – sehr lesenswerten – Fußnoten ausdrücklich von der Idee des „New Tribalism“ und betont, dass seine bolos keineswegs traditionellen Stämmen entsprächen.

p.m. behandelt eingehend alle wesentlichen Aspekte seiner utopischen Welt, jeweils unter dem entsprechenden asa’pili-Wort als Überschrift; dabei kommt er selbst auf solche Themen zu sprechen wie das Wäschewaschen oder die Fortentwicklung der Kochkunst in der  bolo’bolo-Welt.
Der Schwerpunkt liegt aber auf den „großen“ Themen der Struktur der Gesellschaft und der Vermeidung kriegerischer Auseinandersetzungen. Zu letzterem Punkt schreibt er: Eroberung, Ausraubung und Unterdrückung unter Nationen entspringen nicht irgendeiner dunklen Seite der menschlichen Natur, sondern es sind Katastrophen, die entstehen, wenn Größenverhältnisse aus dem Gleichgewicht geraten. Die bolos selbst sind groß genug, um eine gewisse Unabhängigkeit und Stärke haben zu können, sie sind jedoch zu klein, um zu Nationen oder Staaten zu werden.

Es bleibt festzustellen, dass bisher wenig darauf hinweist, dass unsere Welt sich in absehbarer Zeit in eine bolo’bolo-Welt verwandeln würde. Ursprünglich hatte p.m. für diesen Umwandlungsprozeß die Jahre 1983-1987 vorgesehen; aber es haben wohl einfach zu wenige den Text gelesen. Immerhin bildete bolo’bolo das Thema eines Workshops der Transition-Konferenz in Bielefeld im Oktober 2011 (wodurch ich überhaupt erst darauf aufmerksam wurde). Die Widerstände gegen eine weltweite Einführung von bolo’bolo dürften allerdings erheblich ausfallen; selbst wenn die Mehrheit der Menschheit darin übereinstimmen würde, dass es so wie bisher nicht weitergeht, würde sich wohl nicht leicht ein Konsens über die vorzuziehende Alternative erreichen lassen. Insofern ist zu befürchten, dass die „Geschichte“ weitergehen wird, inklusive von neuen Versuchen, Wirtschaftswachstum zu erzwingen, und neuen Kriegen um Rohstoffe und Hegemonie.

Aber ich zumindest hätte jetzt wirklich Lust, einen bolo zu gründen. Wer macht mit?

Der Text „bolo’bolo“ ist hier zu finden. Zitate sind kursiv gesetzt.

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5 Antworten zu Literaturtipp: „bolo’bolo“ von p.m.

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  2. Andreas Galka schreibt:

    Antwort auf den Kommentar von SG vom 11.Januar 11:

    Diese Kritikpunkte sind teils auf Missverstaendnisse zurueckzufuehren, die darauf beruhen, dass ich die bolo’bolo-„Utopie“ hier nicht in allen Details vorstellen konnte. p.m. ist auch auf diese Punkte explizit eingegangen.

    Die bolo’bolo-Welt ist so konstruiert, dass sie die individuelle Freiheit eher besser garantiert, als es heute bei uns der Fall ist. Jeder Mensch hat die Freiheit, sich das bolo auszusuchen, in dem er leben will, und es zu verlassen, wenn er will. Zitat: „Im bolo leben nicht irgendwelche Leute zusammen, nur weil dies praktisch oder umweltschonend ist, sondern weil sie eine bestimmte Lebensweise, eine Tradition, gemeinsam haben (…) bolo’bolo ist kein ökologisches Überlebenssystem, sondern nur ein Mittel zur Ermöglichung aller möglichen Lebensweisen, Philosophien, Trips oder Traditionen. Es ist selbst keine Lebensweise, sondern nur ein möglichst elastischer Rahmen von Grenzen (biologische, wirtschaftliche usw.). Es sollen möglichst viele Lebensweisen (wieder) möglich werden und nebeneinander existieren können.“

    Auch sollen die Universitaeten nicht abgeschafft werden. Zitat: „Um den Austausch von Kenntnissen und Fähigkeiten zu erleichtern, können Nachbarschaften oder Städte Akademien auf Gegenseitigkeit einrichten. Jeder Mensch kann dort Kurse oder Lektionen anbieten und dafür andere belegen (…) gewisse bolos oder Akademien werden wegen der Kenntnisse, die man dort erwerben kann, berühmt werden und von Menschen von überall her aufgesucht werden (…) das allgemeine Gastrecht wird diesen «wissenschaftlichen» Tourismus und Austausch fördern, mehr als es heute Stipendien vermögen. Die Universität wird universal.“

    Ob unsere „freiheitlich-demokratischen“ Staaten wirklich einen geeigneten Weg dazu bieten, die „freien persoenlichen Entfaltungsmoeglichkeiten“ des Einzelnen zu garantieren, muss ich sehr kritisch sehen. Wahr ist nur, dass manche andere Gesellschaftsformen das noch weniger getan haben.

    Schliesslich gehe ich noch auf den Punkt „Flugzeuge, Computer, Magnetresonanztomographen“ ein, weil er regelmaessig in Diskussionen wiederkehrt. Ich glaube, ich gebe die Ansicht der meisten Transition-Aktiven wieder, wenn ich antworte: Natuerlich sind das faszinierende Erfindungen; aber wenn der Preis dafuer, die Oekosysteme des Planeten vor dem Zusammenbruch zu bewahren und eine dauerhaft existenzfaehige Wirtschafts- und Lebensweise aufzubauen, darin besteht, auf diese Dinge zu verzichten, dann bringe ich das Opfer gern.

  3. SG schreibt:

    p.m. sagt unter anderem: „Wenn Leute eng zusammen wohnen, gibt es eine intrinsische soziale Kontrolle, die keine Durchsetzungsorgane braucht.“

    Genau vor einem solchen Zustand habe ich Angst.

    • Andreas Galka schreibt:

      Vermutlich haben die meisten von uns Angst vor sozialer Kontrolle, aber die einzige Alternative ist, nach p.m., die anonyme Kontrolle durch einen Polizeistaat – dessen Potential fuer katastrophale Fehlentwicklungen ungleich groesser ist als die eines bolo. p.m. behauptet ja nicht, dass das Leben im bolo paradiesisch sein werde; ich zitiere ihn nochmals:

      „Gesellschaft, das bedeutet immer auch Polizei, gegenseitige Ueberwachung, Bespitzelung, Unfreiheit, Zwang, Einschüchterung, Anpassertum und Kriecherei. Die Mitglieder des bolo werden sich für einander interessieren, eifersüchtig herumspionieren, schauen, wo das Licht noch brennt, wer wann mit wem schmust, ob einer stark oder schwach riecht und nach was. Bald werden an allen Schranktüren Zettel mit Verboten, Hinweisen und Gebrauchs­anweisungen hängen und der ganze WG-, Naturfreundehaus-, Ferienkolonie- und Lagermief wird sich ausbreiten. Die bolos müssen aufpassen, dass sie das richtige Gleichgewicht zwischen Gemeinschaftsleben und geschützter Privatsphäre finden. «Lösbar» ist der Widerspruch (der nicht immer einer zu sein braucht) jedenfalls nicht – sicher nicht abstrakt.“

      Die Anonymitaet der individualistischen Gesellschaft beschert uns ein hohes Mass an Freiheit,
      die aber schnell in Einsamkeit umschlagen kann; darin zeigt sich dieser Widerspruch.
      Dazu ein Zitat aus einem Interview mit Hans-Peter Duerr:
      „Man hat gesagt, Raver haetten eine neue Sozialform entwickelt (…) auf die Frage, was denn die Leute miteinander verbinde, sagte eine Raverin: «die Unverbindlichkeit».“

      • SG schreibt:

        Mir ist dann im Zweifel wohl die durch Gesetze und Normen begründete Kontrolle eines Rechtstaates lieber als die soziale Kontrolle in bolos. Ob das Potential für Fehlentwicklungen da wirklich größer ist als in kleinen sozialen Einheiten, möchte ich in Zweifel ziehen. Mir scheint es eher umgekehrt zu sein.

        Für mich ist eine der zentralen Errungenschaften der Moderne, dass der Mensch die Möglichkeit hat, sich von seinen familiären und sozialen Wurzeln zu entfernen. Niemand in Europa muss heute den gleichen Beruf ausüben wie sein Vater, niemand ist gezwungen, eine Person zu heiraten, die seine Eltern für ihn oder sie ausgesucht haben, jeder kann sich frei für eine Ausbildung, einen Lebensstil, eine Religion entscheiden. Diese Freiheit würde es in bolos so nicht geben.

        p.m. segelt in mehrfacher Hinsicht unter falscher Flagge. Zum einen behauptet er, eine Utopie zu entwerfen. Das ist aber eine Verwirrungstaktik. In Wahrheit handelt es sich nicht um eine Utopie, sondern um ein handfestes (politisches) Programm. Du selbst schreibst, dass p.m. innerhalb weniger Jahre dieses Programm umsetzen wollte.
        Zum zweiten möchte er den Leser täuschen, indem er sein Konzept mit Bezeichnungen einer Kunstsprache bezeichnet. Eigentlich handelt es sich bei ihm um eine kommunistische Gesellschaftsordnung. Von den (damals) zeitgenössischen Kommunisten Osteuropas unterscheidet ihn, dass er den Staat ablehnt. Aber im Kern ist sein Anliegen das eines kommunistischen Idealisten. Wettbewerb ist für ihn ein Gräuel.

        Was p.m. in seiner Staatsfeindlichkeit m.E. aber übersieht, ist, dass viele Dinge der modernen Zeit (Flugzeuge, Computer, Magnetresonanztomographie) nur erfunden werden konnten, weil es Staaten gab. Er möchte diese Dinge gleichzeitig erhalten, sieht aber nicht, dass durch die Beschränkung staatlicher Organisation auf Kleingruppen gleichzeitig die Voraussetzungen fehlen, um Wissenschaft und Forschung weiterzuentwickeln. Universitäten gibt es im bolo-Land nicht.
        Und wohl am wichtigsten: Nur die Einrichtung eines freiheitlich-demokratischen Staates ist in der Lage, Freiheit und freie persönliche Entfaltungsmöglichkeiten mit einiger Sicherheit zu garantieren.

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