„Shared Space“ –Alle auf die Straße?!

„Shared Space“ oder die gemeinsame Nutzung von Verkehrsraum ist eine in jüngster Zeit sehr populär gewordene Gestaltungsphilosophie für Straßen. Dr. Dietmar Kettler gab am 16.3. auf Einladung von Kiel im Wandel anhand von internationalen Beispielen einen Überblick über  Gestaltungsmöglichkeiten, Chancen und Risiken .

Der Niederländer Hans Monderman gilt als Erfinder des Shared Space. Ihm ging es um eine andere Verkehrskultur, in der sich die Verkehrsteilnehmer auf Augenhöhe begegnen und so ihre persönlichen Vorfahrtsregeln aushandeln. Dies funktionierte in seinem Modellprojekt so gut, dass er es sogar wagen konnte mit geschlossenen Augen oder rückwärts eine benutzte Kreuzung zu überqueren. Diese Ideen wurden weltweit von Verkehrsexperten und Stadtplanern, immer mit unterschiedlichen Beweggründen, aufgegriffen. Das führte dazu, dass es keine klare Definition von Shared Space gibt, einzig in den Niederlanden ist es geschützter Begriff für jede Planungsgrundlage aus dem nach Mondermans Tod entstandenen Shared Space Institut. So ist der Begriff Shared Space auch verkehrsrechtlich nicht vorhanden, so dass diesbzgl laut Dietmar Kettler eigentlich sogar ein Verkehrsschild fehlt.

Was sind also Gründe, die zur Einrichtung von Shared Spaces in Deutschland geführt haben, was sind positive und negative Beieffekte?

  1. Beispiel Bohmte in der Nähe von Osnabrück: hier gab es eine unfallträchtige T-Kreuzung, sowie eine durch den Ort führende Durchgangs-Landstraße, die zum Rasen verleitete. Durch das Entfernen von Bordsteinen und eine einheitliche Pflasterung sowie Fehlen von Verkehrsschildern sowie Entstehung eines Kreisverkehrs nach Entfernung der Ampel an der T-Kreuzung kam es zu einer für Autofahrer unübersichtlichen Verkehrssituation, die zur Verminderung der Fahrdurchschnittsgeschwindigkeit führte. Durch den Wegfall des Stopps an der Ampel wurde die Ortsdurchfahrtszeit aber insgesamt nicht verändert. Nach Einspruch durch den Blinden- und Sehbehindertenverein kamen weiße, plastisch genoppte Markierungen zum Einsatz, die in der Realität dazu führen, dass die wenigen Radfahrer und Fußgänger sich hinter diesem weißen Streifen auf noch engerem Raum bewegen. Aufgrund der geringen Masse an nicht-motorisiertem Verkehr findet also kein echtes Miteinander statt. Das Ziel weniger Unfälle im Bohmte zu haben wurde erreicht.
  2. In Brühl bei Bonn wurde durch eine einheitliche Pflasterung mit Rautenmuster gegen die Verkehrsrichtung im Vorfeld eines Kaufhauses eine unübersichtliche Situation geschaffen. Parkende Autos wurden verboten, um Blickkontakt zu ermöglichen, eine städtebauliche Aufwertung des Platzes war hier der Hauptbeweggrund.
  3. In Kiel gibt es verschiedene Straßenbereiche, die gewollt (oder auch ungewollt Schönberger Straße war ein Beispiel aus dem Publikum) ein Arrangement der Verkehrsteilnehmer untereinander nötig machen. Jüngstes Beispiel ist der Bahnhofsvorplatz; als Tempo-20-Zone ist Parken hier erlaubt, es gibt keine Ampel und trotzdem findet regelmäßiges Queren durch Nicht-Motorisierte statt.

Dietmar Kettler sieht diese Beispiele als Erfolgsgeschichten, wenn sie auch noch optimierbar sind. Als Grundvorausetzungen für die Einrichtung von Shared Space wurden folgende Punkte genannt:

  • eine Verwaltung oder Verwaltungspersönlichkeit mit einem echten Interesse an diesem Projekt
  • der anliegende Einzelhandel muss ebenfalls ein Interesse an der anderen Gestaltung haben
  • eine kritische Masse von Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern (sonst gewinnt entweder die Langsamkeit oder das Tempo und es findet kein Miteinander statt)
  • eine finanzielle Grundlage muss vorhanden sein
  • Busunternehmen müssen mitspielen wenn mitbetroffen

In der lebhaften Diskussion kam zum Ausdruck, dass für ein Shared Space ein Umdenken und in Anteilen auch Kompromiss von allen Verkehrsteilnehmern notwendig ist. Die Aufenthaltsqualität ist dann aber erhöht.

Spielerisch wandten wir uns dann noch dem unteren Knooper Weg zu (zwischen Exer und Humboldtstraße), einem Abschnitt, der für alle Verkehrsteilnehmer kaum Aufenthaltsqualität bietet. Interessanterweise gibt es hier vom betroffenen Einzelhandel mit ihrem zugestellten und vollgeparktem Gehweg vor dem Geschäft keine Anstöße zur Änderung. Aufgrund der für den Einzelhandel notwenigen Parkplätze wurden verschiedene Möglichkeiten durchgespielt, bei denen auf jeden Fall der Gehweg vollkommen frei für Fußgänger nutzbar war und die Radfahrer auf einem Fahrradstreifen parallel zur verschmälerten Straße fahren sollten. Parkplatzinseln bieten sich an den Stellen an, wo im Jetztzustand die Straße verbreitert ist mit zweispurigen Bereichen (exernah) oder Abbiegerspuren (z.B. Kreuzung Fleethörn) Aber sollen die Parkplätze am Rand liegen (längs) und ein Sichthindernis sein für Straßenüberquerer? Oder sollen sie in der Straßenmitte liegen (längs oder quer?) und damit für Autofahrer sehr unangenehm ein- und auszuparken sein?

Fazit: Es ist sehr schwierig einen Kompromiss für alle bei begrenztem Raum zu finden. Laut Informationen Dietmar Kettlers plant die Stadt einen Shared Space im Bereich der Andreas-Gayk-Straße…Lassen wir uns überraschen!

In der KN vom 28.3.11 gab es einen Artikel von Boris Geißler zum Thema Shared Space im Bereich der Andreas-Gayk-Straße. Link

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