„Sichere Energie im 21. Jahrhundert“ von Jürgen Petermann (Hrsg.)

Ein paar Jahre können eine kleine Ewigkeit sein. Als VW-Entwickler Wolfgang Steiger 2006 für ein Interview über Brennstoffzellen gefragt wurde, auf welche Antriebstechnologien ein Autokäufer um das Jahr 2070 setzen könne, lautete seine Antwort: „Die größte Auswahl wird er nach wie vor unter den Verbrennungsmotoren haben. Wer etwas anderes behauptet, der träumt.“

Dass technologische Entwicklungen auf 65 Jahre kaum absehbar sind und dass selbst auf 5 Jahre eine Prognose kaum möglich ist, zeigen die veralteten Daten im Rest des Interviews. Die Reichweite von Brennstoffzellen-getriebenen Autos hat sich in den letzten Jahren verdoppelt, die Kosten einer Brennstoffzelle sind seit 2005 um 90 Prozent gefallen (s. Wirtschaftswoche 31/2010). Die Alltagstauglichkeit der Brennstoffzelle ist daher nicht mehr nur Träumerei, sondern eine Möglichkeit – wenn auch bis dahin noch ein paar Jahre vergehen dürften.

Auch über einige andere Kapitel des Buches „Sichere Energie im 21. Jahrhundert“ ist die Zeit hinweg gegangen. Letztlich sind die großen Linien der Energiepolitik aber über die letzten vier Jahre die gleichen geblieben – die wichtigen Entscheidungen wurden nicht gefällt, sondern aufgeschoben. Jedem, der sich kleinere oder größere Wissenslücken im Bereich Energiepolitik eingestehen mag, sei daher dieser Wälzer (405 Seiten) dringend ans Herz gelegt.

Jeder einzelne Artikel dieses Sammelbands lässt sich ohne Weiteres auch nach Feierabend lesen. Statistiken und Schaubilder machen die technischen und wirtschaftlichen Abläufe anschaulich. Das Buch zeigt: Man muss weder Atomphysik noch Elektrotechnik studiert haben, um die Grundlagen und Begleiterscheinungen moderner Energiegewinnung zu verstehen. Die farbigen Abbildungen zeigen zum Beispiel, wie Windkraft und Biomasse funktionieren, aber auch abstraktere Gebilde wie Wasserstoffautos und Fusionsreaktoren kommen einem nach der Lektüre nicht mehr wie böhmische Dörfer vor. Trotz aller Anschaulichkeit wird dabei ein hohes Niveau gewahrt; auch wer sich mit der Materie schon länger beschäftigt, wird noch etwas hinzu lernen können.

Die eigentlich Stärke des Buches ist seine Vielschichtigkeit. Vierzig Artikel in zehn Kapiteln zeigen vierzig unterschiedliche Perspektiven auf die aktuelle Energiepolitik. Neben rein informativen Beiträgen wird hier auch klar Stellung bezogen: „Kohle bleibt unverzichtbar!“ darf etwa Wolfgang Reichel, Ex-Vorstand des Steinkohleverbands, in einem streitbaren Kommentar formulieren. Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe dagegen hält ein Plädoyer für einen „Übergang in ein zweites Solarzeitalter“. Die Standpunkte und Streitgespräche lockern die Informationsfülle auf und zeigen, wie unterschiedlich die Interpretationen der Datenreihen ausfallen können. Sie schärfen den kritischen Geist des Lesers, liefern ihm Argumentationshilfen und Positionen, an denen er sich reiben kann. Eine generelle Stoßrichtung des Bandes hat Herausgeber Jürgen Petermann klugerweise vermieden.

„Sichere Energie im 21. Jahrhundert“ eignet sich hervorragend zum Stöbern; sogar als kleines Nachschlagewerk wäre es geeignet, wenn es hier nicht zwei Defizite gäbe: Erstens hätten ein Glossar und ein Stichwortindex die Übersicht deutlich erleichtert. Zweitens sind die Daten nach vier ins Land gegangenen Jahren eben nicht mehr die aktuellsten. Die Frage bleibt: Wer kann schon sagen, wie uns in einigen Jahrzehnten fortbewegen? Vielleicht ja tatsächlich im Auto mit Verbrennungsmotor. Oder etwa nicht?

(Auszuleihen ist „Sichere Energie im 21. Jahrhundert“ zum Beispiel in der Universitätsbibliothek Kiel und der Stadtbücherei Kiel.)

Nachtrag: Eine überarbeitete und aktualisierte Version des Bandes wurde 2008 herausgegeben. Sie hat mir für diese Rezension nicht vorgelegen.

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